Ist die VLN unfallträchtig? Mitnichten!

Nachdem die Fédération Internationale de l‘Automobile (FIA) und der Deutsche Motor Sport Bund (DMSB) aus Sicherheitsgründen vor dem Saisonstart eine Leistungsreduzierung der GT3-Fahrzeuge auf der Nürburgring Nordschleife einforderten, sah sich Ralph-Gerald Schlüter, der Generalbevollmächtigte der VLN e.V. & Co. oHG, veranlasst, das Unfallgeschehen der Jahre 2015 bis 2018 auf der legendären Rennstrecke in der Eifel bei den VLN-Rennen aufzuarbeiten. Herausgekommen sind bei seiner akribischen Zusammenstellung der Fakten einige interessante und auch überraschende Zahlen sowie Erkenntnisse.

Dabei wurden über 2.000 Streckenmeldungen, mit denen bei den VLN-Veranstaltungen in der Race Control jeder Vorfall und jeder Unfall während der Trainings und Rennen festgehalten und dokumentiert wird, analysiert. Im Zeitraum der vergangenen vier Jahre wurden von den Teilnehmern bei 38 VLN-Veranstaltungen 122.719 Renn-Runden mit insgesamt 2.990.640 Kilometern durch die Grüne Hölle zurückgelegt. Die Runden und die gefahrenen Kilometer im Training und Qualifying wurden dabei nicht mitgezählt. Als Unfall galt hierbei laut Definition, wenn ein Fahrzeug nach einer Kollision oder Berührung mit einem anderen Fahrzeug, oder mit der Streckenbegrenzung (Leitplanke oder Reifenkette) nicht mehr in der Lage war, weiterzufahren. Konnten Fahrzeuge ohne fremde Hilfe die Veranstaltung fortsetzen, wurde dies nicht als Unfall gewertet.

In Summe gab es in den vergangenen vier Jahren 462 Unfälle. Davon ereigneten sich 26 Prozent = 114 Unfälle während des Trainings und Qualifyings und 74 Prozent = 348 Unfälle während der Rennen. Statistisch gesehen kam es nur alle 353 Rennrunden oder alle 8.594 Rennkilometer zu einem Unfall. Vergleicht man dies mit anderen Rennserien steht die VLN konkurrenzlos da. Bezogen auf die Renndauer, die gefahrenen Rennkilometer und auf das heterogene Fahrzeug- und Teilnehmerfeld. Im Schnitt gab es bei einer VLN-Veranstaltung 12,1 Unfälle, oder 2,9 Unfälle im Training und Qualifying und 9,2 Unfälle im Rennen.

Zusätzlich wurde erfasst, bei wie vielen Vorfällen und Unfällen ein Personenschaden vermutet oder eingetreten ist. Bei dem Begriff „Verletzte“ wurden auch die Fahrer erfasst, die nach einem Unfall routinemäßig zu einem genaueren Gesundheitscheck ins Medical Center gebracht wurden und dieses noch am Renntag aus eigener Kraft wieder verlassen konnten. Im Durchschnitt gab es je Rennen 0,47 als „Verletzte“ dokumentierte Personen. Nur alle 166.000 Renn-Kilometer gab es einen solchen Vorfall oder Unfall.

16,2 Prozent aller Unfälle ereigneten sich in der Klasse Cup 5 (BMW M235i Racing Cup), zehn Prozent in der SP9 (GT3) und 8,2 Prozent in der V4 (Produktionswagen bis 2.500 ccm Hubraum). Gemessen an dem prozentualen Anteil der Klassen am gesamten Teilnehmerfeld, ergeben sich unter anderem für die Cup5, die V6 und die SP7 negative Werte in Relation zum Anteil am Teilnehmerfeld. Diese Betrachtung zeigt auf, dass VLN-Klassen mit vielen Teilnehmern und vielen leistungsgleichen Fahrzeugen, die während der Trainings und Rennen in der Regel eng beisammen auf der Strecke unterwegs sind, einer höheren Wahrscheinlichkeit unterliegen, in einen Vorfall oder in einen Unfall verwickelt zu werden, als Klassen mit weniger Teilnehmern beziehungsweise Fahrzeugen. Die Klasse SP9 zeigte hier keine besonderen Auffälligkeiten. Der relative Anteil der Unfälle entspricht dem relativen Anteil am Teilnehmerfeld.

Es wurden insgesamt 74 Unfälle registriert, in die mehrere Fahrzeuge verwickelt waren, davon 21 Unfälle in den 38 Rennen mit Beteiligung eines SP9 (GT3) Fahrzeugs. Bei nur sechs Unfällen war hierbei ein deutlich leistungsschwächeres Fahrzeug (Cup 1, SP3, V4, V6 je einmal, V5 zweimal) in einen Zwischenfall mit einem SP9-Fahrzeug involviert. Die Analysen der SP9 (GT3)-Unfälle mit anderen leistungsstarken Fahrzeugen lassen den Schluss zu, dass nicht Leistungsunterschiede, sondern das Renngeschehen ausschlaggebend für eine Kollision zwischen einem SP9 (GT3)-Fahrzeug und einem anderen Fahrzeug gewesen war.

Es gibt keinen Streckenabschnitt, der eine besonders hohe Unfallhäufigkeit aufwies. Vermeintliche Unfallschwerpunkte, wie Flugplatz, Kesselchen oder Tiergarten weisen ähnliche Zahlen auf, wie andere Streckenabschnitte. Die höchste Unfallhäufigkeit weist Posten 4 am Ende der Start- und Zielgeraden auf dem Grand Prix-Kurs aus. Es handelt sich hier zu einem großen Teil um typische Kollisionen in der Startphase sowie bei An- und Ausbremsmanövern während der Rennen.

21 Unfälle mit mehreren Fahrzeugen mit Beteiligung SP9

„Diese Auswertung zeigt uns, dass es keine Veranlassung gibt, die VLN-Rennen auf der Nordschleife bei Beteiligung unterschiedlichster Fahrzeugklassen als besonders gefährlich oder unfallträchtig einzustufen“, zieht Schlüter ein positives Resümee. „Dafür gibt es viele Gründe, die zur Prävention eingeführt wurden, wie die DMSB-Permit Nordschleife, die Einrichtung von Gefahrenzonen Code 120 und Code 60 die nur mit reduzierter Geschwindigkeit durchfahren werden dürfen, eine intensive und spezielle Ausbildung der Sportwarte und der Streckenmarshals durch die VLN, oder die umfangreichen Untersuchungen von Vorfällen und Unfällen, sowie das härtere Durchgreifen und konsequente Ahnden von Vergehen durch die Rennleitung. Auch für die Zukunft arbeiten wir ständig an Maßnahmen, um die Sicherheit für unsere Teilnehmer und Fahrer, für unsere Sportwarte, und für unsere Zuschauer stetig zu erhöhen,“ sagt der Generalbevollmächtigte der VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring.