On the road again

Flughafen München, Ankunftshalle. Marco Seefried kommt vom letzten Lauf der FIA Langstrecken-WM aus USA zurück. Mit Jetlag. Aber ohne Koffer. Der ist zwischendurch verloren gegangen. Ein Tag später wird er nachgeliefert. In letzter Sekunde. In wenigen Stunden muss er schon wieder zum nächsten Rennen der Blancpain Sprint Serie nach Misano. Dort fährt er zwei Siege ein – obwohl er aufgrund der Zeitverschiebung kaum schläft. Zuhause in der Wahlheimat Österreich Wäsche waschen, Papierkram erledigen, Mails beantworten. Zwei Tage später geht es schon wieder nach Japan zur Langstrecken-WM. Die dritte Zeitzone innerhalb von zwei Wochen. Für Seefried normaler Alltag. Einkaufen, Fernsehen oder Langeweile – das kennt der Profi-Rennfahrer, der in dieser Saison über 30 Renn- und Testeinsätze im Kalender hat, nicht.

Mit Hollywood-Star und Frauenschwarm Patrick Dempsey und Porsche-Werksfahrer Patrick Long reist er für die Langstrecken-Weltmeisterschaft um den Globus, mit Rinaldi Racing kämpft er in der Blancpain GT Serie im Ferrari in Europa um Erfolge. In der Blancpain Sprint Serie bis zum Finale sogar um den Titel. Und weil für Seefried ein Wochenende ohne Rennen ein verlorenes Wochenende ist, stehen zwischendurch einzelne Veranstaltungen der United Sportscar Championship in USA auf dem Programm. Und natürlich die VLN Langstreckenmeisterschaft mit dem orange-grauen TSB24.de-Porsche von Rinaldi Racing. Denn mit der Nordschleife ist Seefried schon jahrelang verbunden. Tagsüber im Gewusel und abends am Grill fühlt er sich in der Breitensportserie noch immer verdammt wohl. „Hier bin ich zuhause, hier treffe ich so viele Freunde und die Nordschleife ist einfach die beste Rennstrecke der Welt“, sagt er. Derzeit gehört Seefried zu den meistbeschäftigten privaten GT-Fahrern. Er könnte sich auch gut als Spion anheuern lassen. Schließlich saß er bis auf die Corvette schon in jedem GT3-Modell. „Ich genieße es sehr, momentan so viele verschiedene Rennautos fahren zu können“, sagt Seefried. „Dazu lerne ich immer wieder neue Strecken wie Watkins Glen oder Austin kennen. Es ist wirklich ein Privileg, dass ich diese Saison so viele Rennen im Kalender habe.“

Er ist einer, der das besonders zu schätzen weiß. Mit 39 Jahren erlebt er zurzeit sein Karriere-Hoch. Davor gab es immer wieder Zeiten, in denen er sich als Rennmechaniker durchschlug, um ein Cockpit zu ergattern. Das Durchhaltevermögen hat sich gelohnt: Heute konzentriert er sich nur noch aufs Rennfahren. Mit Erfolg: Momentan hat er einen Lauf. Nach den beiden Siegen in der Blancpain Sprint Serie in Misano folgte nur eine Woche später der erste Erfolg mit Patrick Dempsey und Patrick Long mit Porsche in der FIA WEC im japanischen Fuji. Auf nasser Strecke fuhr Seefried von Platz sechs auf den ersten Rang nach vorne und übergab den 911 RSR mit einer Runde Vorsprung auf die Konkurrenz. Nach sechs Stunden feierte das Trio nach dem zweiten Platz in Le Mans den ersten WEC-Sieg. Typisch für den ruhigen und nachdenklichen Rennfahrer: Trotz der großen Aufmerksamkeit für die Bilderbuchfahrt bleibt Seefried bescheiden. „Das Auto lag einfach gut“, sagt er. Nur drei Tage nach seiner Ankunft aus Japan geht es weiter zur VLN an den Nürburgring. Wieder mit Jetlag. Und Koffer.