20.10.2017

Wer wird wann Meister 2017?

Die Fahrerwertung in der VLN Langstreckenmeisterschaft Nürburgring war in diesem Jahr hart umkämpft – härter als in den Jahren zuvor. 



Vier unterschiedliche Tabellenführer gab es im Verlauf der Saison, von denen sich drei als ernsthafte Meisterschaftskandidaten herauskristallisierten: Norbert Fischer, Christian Konnerth und Daniel Zils im Porsche Cayman des Pixum Team Adrenalin Motorsport, Marcel Manheller im BMW 325i sowie Moritz Kranz, Hamza Owega und Alex Schula im Porsche Cayman von Mühlner Motorsport. Und am Ende könnte ihnen ein Mann den Rang ablaufen, der dann seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigen würde, Michael Schrey. Der Bonk-Pilot bestritt die Saison 2017 erneut in der BMW M235i Racing Cup-Klasse – zumeist als Solist. Nur beim Saisonhighlight, dem ROWE 6 Stunden ADAC Ruhr-Pokal-Rennen, wechselte sich noch einmal sein letztjähriger Teamgefährte Alexander Mies mit ihm am Volant ab. Würde ihm die Titelverteidigung gelingen, wäre er nach 20 Jahren der erste Fahrer, dem das gelänge. Damals übrigens Dirk Adorf 1996 und 1997 im Opel Astra.

Dieser Weg war steinig und schwer
„Allez le bleus“, lautete das Motto nach dem ersten Lauf der Saison 2017. Die GT3-Klasse war am stärksten besetzt und somit waren die Gesamtsieger Romain Dumas, Fred Makowiecki und Patrick Pilet mit dem Manthey-Porsche 911 GT3 R auch die ersten Tabellenführer der Saison. Von den Protagonisten hatte Manheller mit dem Auftaktsieg in der V4 nach Lauf eins als Dritter der Tabelle die Nase vorne. Fischer / Konnerth / Zils gewannen ebenfalls und belegten so Rang vier. Noch abgeschlagen zu diesem Zeitpunkt: Kranz / Owega / Schula als Siebte und Schrey als 14 – der Vorjahreschampion wurde in der BMW-Cup-Klasse nur Dritter. Beim zweiten Lauf holte Schrey, nach einem Ausfall, früh ein definitives Streichergebnis. Dieses warf ihn auf Rang 71 in der Tabelle zurück. Das Adrenalin-Trio siegte erneut (Tabellenplatz 3), das Mühlner-Trio fuhr auf Rang zwei (Tabellenplatz 11), Manheller wurde nur Dritter (Tabellenplatz 8). Die Spitze verteidigte Makowiecki, der zusammen mit Richard Lietz den zweiten Gesamtsieg in Folge einfuhr.

Nach dem 24h-Rennen dünnte sich die GT3-Klasse aus, die originären VLN-Klassen rückten nun in den Vordergrund. Und prompt übernahmen Fischer / Konnerth / Zils nach ihrem dritten Sieg die Tabellenführung. Diese konnten sie mit einem weiteren Triumph bei Lauf vier verteidigen. Bei Lauf fünf patzte die Adrenalin-Mannschaft erstmals und fiel in im Tableau auf Rang acht zurück.

Das Mühlner-Trio witterte seine Chance und stürmte mit drei Siegen in Folge an die Spitze nach Lauf fünf. Schrey holte ebenfalls drei Siege in Folge und machte viel Boden gut. Nach Lauf fünf belegte er den zehnten Rang in der Tabelle. Manheller gelang in der hart umkämpften V4 kein Durchmarsch. Trotzdem schob er sich mit den Positionen zwei, drei und eins in der Tabelle als Zweiter in Schlagdistanz.

Während Kranz / Owega / Schula und Manheller ihre Positionen nach Lauf sechs verteidigten, betrieben Fischer / Konnerth / Zils und Schrey ihrerseits Schadensbegrenzung. Die Kurve von Schrey stieg aber deutlich steiler an, weil in seiner Klasse mehr Konkurrenz war. Seine Positionen nach Rennen sechs: vier und fünf.

Nach Lauf sieben und seinem insgesamt dritten V4-Sieg übernahm Manheller die Tabellenspitze und überholte das Mühlner-Trio. Kranz, Owega und Schula fuhren Ihrerseits mit Rang acht in der Cayman-Cup-Klasse ein Streichergebnis ein.

Nach dem achten Lauf wurde das erste von zwei Streichergebnissen in der Tabelle angerechnet. Alle vier Titelaspiranten gewannen ihre Klasse. Aufgrund von sieben Klassensiegen liegt das Adrenalin-Trio vor dem Finale auf Position eins vor Schrey, Manheller und Kranz / Owega / Schula.

Rechenexempel: Wer belegt wann welche Position?
Angenommen, die Starterzahlen in den Klassen Cup 5 (Schrey), V5 (Fischer / Konnerth / Zils), V4 (Manheller) und Cup 3 (Kranz / Owega / Schula) wären beim Finale mit Lauf acht identisch und alle Fahrer würden ihre Positionen von dem vorletzten Lauf bestätigen, hätte Schrey einen Vorsprung von 0,75 Punkten. 

Allerdings fielen gleich M235i Racing Cup-Fahrzeuge beim Barbarossapreis einem Unfall in der Arembergkurve zum Opfer, so dass sich die Zahl der Fahrzeuge in der Cup 5 für das Finale reduzieren könnte. Aber auch für diesen Fall ist Schrey noch safe: Einen Sieg vorausgesetzt, würden ihm selbst magere vier Mitstreiter in der Klasse ausreichen, um mit hauchdünnen 0,03 Punkten am Ende die Nase vorne zu haben. Wird Schrey ausnahmsweise nur Zweiter, reichen ihm 14 Gegner in der Klasse, um in Führung zu bleiben. Wird er nur Dritter müssten insgesamt 25 Cup-BMW seine Klasse bevölkern. Ab hier werden alle Zahlenspiele in diese Richtung unrealistisch.

Im Umkehrschluss könnten sich in der Klasse V5 weitere Teilnehmer finden. Beispielsweise bringt Platz eins von 20 Fahrzeugen 9,75 Punkte. Neben dem Adrenalin-Nuller bei Lauf fünf sind 9,58 (1. von 12) das niedrigste Ergebnis des Trios, könnten also gestrichen werden. Der Punktezuwachs in der Summe der besten sieben Ergebnisse betrüge 0,17 Punkte. Schrey müsste so minimal Platz zwei von 18 für die Titelverteidigung erreichen, um vorne zu bleiben. Ein plötzlicher Zuwachs von im Beispiel genannten acht Fahrzeugen klingt zunächst utopisch, waren doch 2017 maximal 15 V5-Autos mit von der Partie. Dennoch gibt es eine Reihe von Beispielen in der langen Historie, ja selbst in der jüngsten Vergangenheit der VLN, wo eben genau dieser Fall eingetreten ist. Man sollte niemals nie sagen.

Die Plätze eins und zwei in der Fahrerwertung sind an Schrey und Fischer / Konnerth / Zils bereits vergeben, nur die Reihenfolge ist noch offen. Platz drei ist hingegen noch hart umkämpft: Holen Kranz / Owega / Schula erneut Platz eins von neun, reicht Manheller ein Sieg bei nur sechs Gegnern für Platz drei in der Tabelle. Wird er nur Zweiter, müssten in Summe schon 21 V4-Fahrzeuge beim Finale am Start sein. Platz zwei von zuletzt 18 Fahrzeugen würde somit ebenfalls nicht ausreichen, um das Mühlner-Trio hinter sich zu lassen.

Das sagen die Experten

Uwe Winter (Eurosport- und VLN-Kommentator): Wie schon so oft in den vielen Jahren – das Punktesystem der VLN sorgt wohl auch 2017 für Spannung bis zur letzten Runde beim Finale. Manche Dramen haben wir da in der Vergangenheit erlebt, wie z.B. 1993, als Dirk Adorf auf Meisterkurs unterwegs war und in der letzten Runde ein technischer Defekt zum Ausfall führte: Die Sektflaschen waren zu diesem Zeitpunkt in der ETH-Box längst entkorkt…

Ähnlich spannend könnte es auch in diesem Jahr werden: Michael Schrey steht mit dem Rücken zur Wand und darf sich keinen Fehler erlauben – bei der starken Konkurrenz in der Klasse keine beneidenswerte Aufgabe. 

Für Norbert Fischer, Christian Konnerth und Daniel Zils kann das Ziel nur heißen: den nächsten Klassensieg einzufahren und dann hoffen, dass es für Schrey schwer werden wird, seine starken Gegner im BMW M235i-Racing-Cup zu besiegen. Ob seine Gegner den Titelverteidiger beim Finale schonen werden, bleibt abzuwarten.

Bei der aktuellen Siegesserie von Schrey, mit sechs Klassensiegen in Folge, glaube ich, dass er mit breiter Brust seinen Meistertitel verteidigen wird. Sein Vater Wolfgang war in den 80er- und 90er-Jahren einer der strategisch versiertesten Fahrer in der VLN und im deutschen Rundstreckensport und kannte jede Lücke im Reglement; gepaart mit dem fahrerischen Talent hat er dem Junior alle wichtigen Gene der großen Motorsportfamilie Schrey mit auf dem Weg zur Titelverteidigung gegeben. 

Dirk Adorf (Dreifacher VLN-Champion und BMW-Werksfahrer): Ich glaube, dass Michael Schrey den Titel holt. Er hat dem Druck in der starken Klasse in diesem Jahr perfekt standgehalten und weiß, wie es geht. Es ist selber seines Glückes Schmied. Vor der Herausforderung, die Rennen alleine zu bestreiten, ziehe ich den Hut. Dabei konnte er seine Fähigkeiten eindrucksvoll unter Beweis stellen. Natürlich gab es vielleicht Fahrer, die schneller waren als er. Aber auf der anderen Seite gab es genau in diesen Teams auch Leute, die langsamer waren. Davon hat er sich nicht verrückt machen lassen und ist seine Rennen diszipliniert und kontrolliert gefahren.

Michael Bonk (Teamchef von Michael Schrey): Aus meiner Sicht stehen die Meister schon fest: Norbert Fischer, Christian Konnerth und Daniel Zils, denn sie haben bereits genügend Punkte. Ich bin mir nicht sicher, ob Michael es schaffen wird, denn schon beim letzten Rennen herrschte eine harte Gangart in unserer Klasse. Wir müssen Platz zwei holen und das wird nicht einfach. Wenn alle Kollegen sich fair verhalten, kann das klappen. Aber ich bin skeptisch. Das darf man nicht falsch verstehen, wir resignieren nicht, werden auch beim Finale unser Bestes geben, damit Michael den Titel holt. Aber das ist kein Spaziergang. 

Für ihn spricht, dass er in diesem Jahr körperlich fitter ist als jemals zuvor. Wenn ich mir anschaue, wir er nach vier Stunden aus dem Auto klettert, selbst bei Hitzerennen in diesem Jahr – das ist sensationell. Auch mental ist er super drauf. Beim letzten Rennen habe ich jedoch gemerkt, dass er an seinem Limit war. Nicht im Bezug auf sich selber, sondern wenn Dinge reinspielen, die dazu führen, dass er nicht frei fahren kann. Gerade auch mit Ausblick auf den Cup wollen viele gewinnen und da bin ich mir nicht sicher, ob es dann am Ende für uns reicht.

Johannes Scheid (Fünffacher VLN-Champion und Teamchef im BMW M235i Racing Cup): Ich glaube, dass Michael Schrey es packen wird. Der braucht nur noch einen zweiten Platz. Und er ist dieses Jahr so gut dabei. Anfangs hatte er ein bisschen Pech mit der Technik. Danach hat er sechs Rennen gewonnen. Daher glaube ich schon, dass ihm Platz zwei im Rennen gelingen wird. Der Druck auf ihn ist hoch, das kenne ich aus eigener Erfahrung. Zumal in der Klasse auch teils recht hart gefahren wird. Hier hat das Adrenalin-Trio eindeutig einen Vorteil. Aber Michael kann sich sein Rennen selber einteilen, von der Kondition her hat er ezeigt, dass er fit ist. Ich bin sehr gespannt, wie das Rennen ausgeht.

Bianca Leppert (Journalistin, unter anderem für Motorsport aktuell und sport auto): Für mich hat die Meisterschaftsentscheidung vor allem eine psychologische Komponente. Das Cayman-Trio kann selbst nichts mehr ausrichten, bleibt also die Frage: Lässt sich Michael Schrey nervös machen und ihn so das Ziel eines Top-Ergebnis nicht erreichen? Sein Trumpf: Er kennt den Druck aus dem vergangenen Jahr. Für mich wären sowohl Schrey als auch Zils/Fischer/Konnerth würdige Meister – sie haben mit ihren Siegesserien alle einen perfekten Job gemacht.

Volker Strycek (Langjähriger Opel-Motorsportchef, Fahrer und VLN Leiter Technik): Die Frage ist sehr schwierig zu beantworten. Man muss sich nur einmal die Konstellation anschauen. Wer am Ende Meister wird, diese Entscheidung ist so offen, wie schon lange nicht mehr. Die Situation ist reine Nervensache. Ich glaube aber schon, dass Michael Schrey am Ende Meister wird. In der Gesamtbetrachtung, was der Junge in diesem Jahr abgezogen hat, das muss man erstmal hinkriegen. Diese Nervenstärke über den kompletten Saisonverlauf ist in meinen Augen vorbildlich. Daher ist er vielleicht sogar der, der den wenigsten Druck hat. Den BMW-Cup hat er so gut wie sicher. Der Druck ist schonmal weg. Das war sicherlich für ihn und das Team oberste Priorität. Für mich ist das Beste, dass die Entscheidung erst beim Finale fallen wird. Das zeigt, dass in der Serie toller Sport geboten wird.

Matthias Unger (Teamchef von Norbert Fischer, Christian Konnerth und Daniel Zils): Natürlich werden wir Meister! Warum? Weil wir Michael Schrey beim Finale schlagen werden. So holen wir uns die Startnummer eins quasi in der Cup 5. Das ist unsere einzige Chance, mit dem V5-Auto haben wir ja keine Möglichkeit, direkt einzugreifen. Aber um das klarzustellen, wir machen das ohne Spielereien. Wir machen weder die Klasse V5 voll, noch verringern wir die Teilnehmerzahl in der BMW-Klasse, indem wir unsere fünf Cup-Autos zuhause lassen. Daniel Zils kehrt in den Cup zurück – er hat ja schon die ersten sechs Rennen als Doppelstarter dort bestritten. So wollen wir das Ganze sportlich zu unseren Gunsten entscheiden. Er will sich quasi seine Startnummer eins selber verdienen. 

Olaf Manthey (Teamchef und ILN-Boss): Nach meiner Einschätzung hatte die Cup 5 in dieser Saison die höchste Competition, gefolgt von der V4, der Cup 3 und zuletzt der V5. Aus diesem Grund hat Schrey den Titel verdient und auch die beste Ausgangslage – er kann, glaube ich, auch ganz gut mit dem Druck umgehen. 

Ich bin auch glücklich, dass Marcel Manheller so weit vorne mitfährt. Ich kenne ihn von klein auf. Was dieses Team mit verhältnismäßig geringen Mitteln leistet, ist außergewöhnlich. Dabei ist Marcel selber ebenfalls ein Phänomen. Er bringt Top-Leistungen ohne dabei große Töne zu spucken. Ich bin davon überzeugt, dass man von ihm auch in Zukunft hören wird.