08.08.2016

Manthey-Kolumne: Respekt, Respekt, Respekt

Es gibt diesen alten Spruch, typisch englisch direkt: When the flag drops, the bullshit stops. Was im Deutschen, einigermaßen elegant übersetzt, so viel bedeutet wie: Wenn die Flagge fällt, haben alle Theorien und Spekulationen ein Ende. Die Rennen werden heute nur noch ganz selten mit der Flagge gestartet. Aber diese eine Weisheit hat nach wie vor universelle Gültigkeit im Motorsport. Was zählt, ist auf der Rennstrecke.

Allerdings nehme ich seit geraumer Zeit ein Phänomen wahr, das auf der Rennstrecke nicht zählen darf. Und auf der Nordschleife schon mal gar nicht. Was ich meine: Die Art und Weise, wie gewisse Rennfahrer in ihren Rennautos auf der Rennstrecke gelegentlich miteinander umgehen, entspricht nicht mehr den Formen und Normen, die einen guten, sprich fairen Rennsport ausmachen; die Sitten verrohen – zusehends.

Da gibt es Fahrer, die absichtlich einen schnelleren Konkurrenten blockieren. Fahrer, die den langsameren Konkurrenten von der Piste bugsieren. Fahrer, die kurzen Prozess machen und den Konkurrenten einfach abschießen. Die angewandten Methoden pendeln zwischen diskret und effizient bis schmutzig und brutal.

Dieses Phänomen ist auch in der VLN zu beobachten. Nicht nur in Situationen, in denen die Piloten in den schnellen Autos auf Autos aus den kleineren Klassen treffen, sondern auch im Geschehen innerhalb bestimmter Klassen. In den Klassen, in denen die Autos von der Leistung her ausgeglichen sind oder gar identisch, wie in den Cup-Klassen.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Zweikämpfe, Kämpfe zu dritt, zu viert ... gehören ins Repertoire des Motorsports; die wollen alle sehen, die Fans und die Aktiven. Ich auch. Wer mich kennt, weiß, dass ich in meiner Zeit als aktiver Rennfahrer nicht gerade zimperlich war. Ich bin keinem Fight aus dem Weg gegangen, ich habe mich Rad an Rad, Türklinke an Türklinke mit meinen Konkurrenten duelliert, ich habe ihnen die Aufkleber vom Auto geschrubbt. Wir haben gedrängelt, geschubst, gerempelt, geschoben; wir sind uns, wenn’s ganz heiß zuging, in die Autos gefahren. Aber eines haben wir, bei aller Härte und bei allem Druck, nicht gemacht: Wir haben die Konkurrenten nicht absichtlich aus dem Rennen befördert. Wir haben ihnen den Raum gelassen, den sie brauchten, um ihre Rennen fortsetzen zu können. Stets nach dem Motto: Leben und leben lassen.

Okay, es geht mal ein Ausbremsmanöver schief, eine Überholaktion misslingt, und der Gegner landet im Abseits. Kann passieren. Ist uns auch passiert. Aber das war bei uns die Ausnahme, nicht die Regel. Doch heutzutage gehört es offensichtlich, bei gewissen Fahrern, zur bevorzugten gängigen Praxis, in Lücken reinzustechen, die keine sind, das vorausfahrende Auto dort in die Wiese zu schicken, wo keine ist. (Und das ist entlang der Nordschleife fast überall der Fall.) Immer nach dem Motto: Hier komme ich, und machst du keinen Platz, hau ich dich weg; wo du landest, ist mir egal. In der Leitplanke oder, wenn’s ganz schlimm läuft, jenseits davon.

Warum die Umgangsformen auf der Strecke rauer werden, ist mir nicht klar. Gewiss, die Technik wird komplizierter, das Auto leistungsfähiger, ein Rennen komplexer – und transparenter. Der Druck – der von außen wie der selbst produzierte – ist hoch. Und es geht immer um sehr viel Geld. Aber genau diese Kontexte gab es immer schon, in jeder Epoche des Motorsports, für jeden Rennfahrer. Was aber heute eindeutig fehlt, ist dreierlei: Respekt, Respekt, Respekt.

Jeder Rennfahrer in der VLN muss Respekt vor dem Gegner aufbringen, Respekt vor der Nordschleife, Respekt vor dem Motorsport. Und dabei beachtet er immer eine goldene Regel: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden willst. Dieser alte, weit verbreitete Grundsatz muss der Wegweiser sein. Auch in der VLN. Gerade auf der Nordschleife. Dann geht es auf der Rennstrecke wieder vernünftig und fair zu. Dann hat das kompromisslose, rüpelhafte, gefährliche Gegeneinander, dieser Bullshit auch ein Ende.