12.04.2016

Hans-Jürgen Hilgeland - Einer, der seinen Weg ging

Er lebte nicht nur „für“ den Motorsport: Er lebte ihn mit jeder Faser. Und sein Herz schlug für die Amateure, für die im kleinen Polo genauso wie für die im großen Porsche. Für seine Leidenschaft war ihm kein Weg zu viel, zu weit, zu verwinkelt. Und der Nürburgring mit seiner legendären Nordschleife war sein Lebensmittelpunkt, ja: sein Zuhause.

Hans-Jürgen Hilgeland gilt als einer der Väter der VLN, als Urgestein der Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring. Wer genau der „Erfinder“ der Serie war, ist nicht so klar; es sieht ganz danach aus, als ob gleich mehrere Leute dieselbe Idee gleichzeitig hatten, damals im Frühjahr 1976. Sicher ist aber, dass Hans-Jürgen Hilgeland einer von ihnen war.

Hilgeland, den man burschikos „Jöckel“ nannte (und er sich selbst gelegentlich auch), führte in Ennepetal einen kleinen, eher bescheidenen Kfz-Betrieb, denn viel lieber war er, da er beim Automobilclub Altkreis Schwelm (ACAS) als Sportleiter fungierte, auf dem Weg durch die kleine und große Welt des Motorsports. Und dieser Weg führte anfangs oft über eine Aral-Tankstelle an der alten B1 in Dortmund, gleich neben der Westfalenhalle; die gehörte Dieter „Ditz“ Hacheney, der seinerseits Sportleiter des Dortmunder Racing Team Scharnhorst war.

Auf dem Nürburgring gab es Mitte der 70er-Jahre eine Reihe von Langstreckenrennen ganz unterschiedlicher Länge, Dauer und Charakteristik; es waren lauter singuläre Veranstaltungen, von einzelnen Automobilclubs unabhängig voneinander organisiert und durchgeführt. Hilgeland machte mit seinem ACAS auf dem Nürburgring, durchaus erfolgreich, den „Bilstein Cup“, aber er hatte erkannt, wie Hacheney eben auch, dass man unbedingt eine Wettbewerbsserie brauche, also eine Meisterschaft, die aus mehreren Läufen bestehe und die am Ende der Saison eine Gesamtwertung und einen Gesamtsieger habe.

Nur so, davon waren Hilgeland wie Hacheney überzeugt, gäbe es insgesamt mehr Teilnehmer auf der Nordschleife, die Starterfelder wären ausgeglichener, und der Breitensport hätte auf dem Nürburgring eine Zukunft. Weit jenseits des Rheins, in der Eifel, gingen zur gleichen Zeit zwei Motorsportler ebenfalls solchen Gedankenspielen nach: Johannes Scheid und Karl-Heinz Retterath vom MSC Adenau.

Die vier Männer kannten sich, weil sie sich regelmäßig am Ring trafen. Man redete und telefonierte viel und oft – und lud sich und eine Hand voll anderer Clubvertreter schließlich im Spätsommer 1976 zu einem Treffen in einer Kneipe in Köln-Ehrenfeld ein. Es war die Geburtsstunde der „Veranstaltergemeinschaft Langstreckenpokal Nürburgring“ (VLN), der Startschuss für den schnell ge- und berühmten Langstreckenpokal.

In dem neu gegründeten Clubverbund fand Hans-Jürgen Hilgeland rasch seinen Platz, und das ganz sicher nicht deshalb, weil es keinen gab, der ihn ihm hätte streitig machen wollen oder können. Zweifellos, „Jöckel“ Hilgeland hatte großes Talent zum Organisieren, auch zum Improvisieren, das hatte er schon mit seinem „Bilstein Cup“ unter Beweis gestellt, und das würde er für die nächsten mehr als drei Jahrzehnte auch in der VLN unter Beweis stellen. Er avancierte zum Spezialisten für die schwierigen Fälle; er lief, beispielsweise, zu Hochform auf, als Anfang der 80er Jahre die neue Grand-Prix-Strecke gebaut wurde und die VLN-Teams am Nürburgring deshalb in den Bereichen Fahrerlager und Boxen auf ebenso eingeschränktem wie ungewohntem Terrain operieren mussten.
An begabten Organisatoren gab es in der VLN freilich auch andere, in einem Ressort jedoch konnte keiner Hans-Jürgen Hilgeland das Wasser reichen: In Sachen Reglement und dessen Auslegung war er einsame Spitze. Hilgeland kannte die Gesetze und die Gesetzmäßigkeiten des Motorsports aus dem Effeff. Wer immer eine Frage zum Regelwerk hatte, ob Funktionär, Rennleiter, Teamchef, Fahrer oder Journalist – Hans-Jürgen Hilgeland konnte sie mit Sicherheit beantworten, fachmännisch und en détail. Und wenn er eine Vorschrift oder Bestimmung nicht gleich auswendig zu zitieren vermochte (was eher selten vorkam), dann hatte er seinen Laptop stets griffbereit und nach wenigen Tastendrücken den gesuchten Passus auf dem Bildschirm.

Dieses profunde Wissen machte ihn auch zum geschätzten Experten in der Organisation anderer Rennen oder Rennserien. Ob als Rennleiter, Sportkommissar oder Leiter der Streckensicherung. Den diesbezüglichen Ritterschlag bedeutete die Organisation des gesamten Sicherheits- und Rettungssystems rund um die damals neu konzipierte Rennstrecke in Shanghai.

Von Hilgelands Wissen und Sachverstand, von seinem strategischen Denken und seiner operativen Cleverness profitierten die Veranstalter, die Teams, die Piloten, es profitierten alle, und die VLN profitierte am meisten. Gab es im Management eines Rennens eine Unstimmigkeit, eine Unklarheit, einen Streitpunkt zum Thema Reglement, Jöckel Hilgeland war immer zur Stelle und regelte die Angelegenheit – auf seine Art: schnell, direkt, diskret, geräuschlos, auch unkonventionell, wenn’s sein musste. Und unkonventionell musste es seiner Meinung bisweilen schon sein, denn es ging ihm ja immer um den Amateursport, darum, dass jeder, der auf der Nordschleife Rennen fahren wollte, auch Rennen fahren durfte.

Jöckel Hilgeland hat nie ein Team nach Hause geschickt, wenn etwas nicht stimmte, nicht passte. Klar, er sah die Paragrafen des Sportgesetzes, aber er sah auch die Lücken zwischen den Paragrafen, selbst die kleinsten. Und wenn Kollegen aus dem Organisationsstab etwas nach- oder hinterfragten, antwortete Hilgeland stets gerne und gar nicht mal ohne Stolz: „Kümmert euch nicht drum, das habe ich schon erledigt.“

Hans-Jürgen Hilgeland ging seinen Weg, konsequent, geradlinig, oft eigensinnig, bisweilen eigenbrötlerisch. Einige nahm er anfangs mit, dann immer weniger, irgendwann gar keinen mehr. Gewiss, er tat das nie für sich, sondern immer für das große Ganze und das ganz Große: die Langstreckenmeisterschaft auf dem Nürburgring, den Breitensport auf der Nordschleife.

Hans-Jürgen Hilgeland war Vorsitzender des Automobilclubs Altkreis Schwelm. Er war Sprecher der Gesellschafter der VLN, Sportleiter, Leiter der Streckensicherung, Rennleiter. Und er war stellvertretender Vorsitzender der VLN, bis zum Mai 2012. „Er hat die VLN über Jahrzehnte hinweg geprägt und in ihrer Entwicklung entscheidend mitbestimmt“, sagt Karl Mauer, Generalbevollmächtigter der VLN, über Hans-Jürgen Hilgeland. „Wir haben ihm sehr viel zu verdanken. Und ich habe bis zuletzt seine Erfahrung und seinen Rat geschätzt.“

Auf dem Weg, den Hans-Jürgen „Jöckel“ Hilgeland wählte, den er in den letzten Jahren verfolgte, wurde es immer einsamer um ihn herum, wurde er selbst einsam. Er verschloss sich zunehmend selbst seiner Familie. Und irgendwann blieb sein Handy stumm.

Hans-Jürgen Hilgeland starb im Alter von 76 Jahren.

Die Trauerfeier zur Urnenbeisetzung findet am 22. April 2016 um 13.30 Uhr in der Friedhofskapelle des Friedhofs Ennepetal-Milspe statt.